Philosophische
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Max Scheler (1874-1928)

Philosoph und Soziologe in Köln; parallel zu Helmuth Plessner Begründer der Philosophischen Anthropologie. Scheler konzipiert den Menschen im Vergleich zu Pflanze und Tier als ein Geistwesen, das spezifisch auf seinen organischen Körper angewiesen ist: der Mensch ist aufgrund seiner physischen Organisation das »weltoffene Wesen« und der »Neinsagenkönner«.

Leben: Scheler studierte zunächst Medizin, dann Philosophie in Jena bei Rudolf Chr. Eucken; 1901 bis 1906 war er Privatdozent in Jena und München. Wegen seines turbulenten Privatlebens wurde ihm 1906 die Lehrerlaubnis entzogen. Von 1910 bis 1918 arbeitete er als freier Autor in Göttingen und Berlin. Von Idealismus und Lebensphilosophie (Bergson) beeindruckt, wurde Scheler durch die Begegnung mit Edmund Husserl zum führenden Mitglied der phänomenologischen Bewegung. Zwischen 1910 und 1920 als Privatgelehrter wirkend, entstanden die Werke »Über Ressentiment und moralisches Werturteil« (1912), »Zur Phänomenologie und Theorie der Sympathiegefühle und von Liebe und Haß« (1913) sowie das Hauptwerk »Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik« (1913/16). Während des I. Weltkrieges war Scheler publizistisch engagiert (»Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg«, 1915; »Krieg und Aufbau«, 1916; »Die Ursachen des Deutschenhasses«, 1917). 1919 erhielt er die Berufung als Professor für Philosophie an die neu gegründete Universität Köln; zugleich wird er Direktor des Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften. Hier begründete Scheler (vor Karl Mannheim) die Wissenssoziologie (im von Scheler organisierten Band »Versuche zu einer Soziologie des Wissens«, 1924; und in »Die Wissensformen und die Gesellschaft«, 1926) und parallel zu dem dort als Privatdozent wirkenden Helmuth Plessner die Philosophische Anthropologie (»Die Stellung des Menschen im Kosmos«, 1927/28). 1928, kurz vor seinem Tod, erreichte ihn ein Ruf an die Universität Frankfurt/Main als Professor für Philosophie und Soziologie.

Werk: Max Scheler galt neben Husserl und Heidegger als das große philosophische Genie des neuen Jahrhunderts, als der »schwarze Nietzsche« (d.i. der katholische, Ernst Troeltsch); er übte erheblichen Einfluß auf das philosophische Denken seiner Zeit aus. Er begründete nicht nur die moderne philosophische Anthropologie, sondern auch den Denkansatz der klassischen Wissenssoziologie wie auch die Sozialphänomenologie (»Wesen und Formen der Sympathie«). Scheler entwirft zudem eine neue Ethik (»materiale Wertethik«), in einem Werk, das viele andere Motive Schelers bündelt, u.a. auch seine Sozialtheorie mit der Auszeichnung von vier Sozialtypen (gegenüber der Dichotomie von ›Gemeinschaft‹ und ›Gesellschaft‹).
Das Projekt einer Wissenssoziologie entfaltet zwei Ziele: die Autonomie nicht aufeinander rückführbarer Wissensformen (»Leistung- und Herrschaftswissen«; »Bildungswissen«; »Erlösungs- oder Heilswissen«), und in Auseinandersetzung mit der Ideologielehre die Autonomie des Wissens (der »Idealfaktoren«) bei gleichzeitiger Beobachtung seiner Realisierungsverwiesenheit auf die »Realfaktoren« (Hungertriebe, Sexualtriebe, Machttriebe).
Dieser Grundgedanke fundiert auch seine Philosophische Anthropologie, die die »Sonderstellung des Menschen« begründen will. Im kontrastiven Vergleich von Pflanze, Tier, Mensch werden kategorial Stufen des Lebendigen (Gefühlsdrang, Instinkt, Gedächtnis, praktische Intelligenz) herausgearbeitet, die im Menschen wirken und zugleich durch das Prinzip »Geist« einen »Umschwung« erfahren. Der Mensch ist der »Asket des Lebens«, bei dem sich der autonome, aber in sich machtlose Geist der vitalen Kräfte bedient, deren Richtung er zugleich umkehrt.
Der Vortrag »Der Mensch im Weltalter des Ausgleichs« (1927) bietet eine Theorie der differenzierten Moderne, die statt des Überbietungsgestus des ›Übermenschen‹ oder des Neuen Menschen den Typus des »Allmenschen« diagnostiziert, der die in verschiedenen Kulturen, Klassen und von den Geschlechtern entwickelten Einseitigkeiten zum »Ausgleich« bringe.


[Hauptwerke zur Philosophischen Anthropologie]

»Die Stellung des Menschen im Kosmos«, Darmstadt 1928. Neuausgabe: Bonn 2005, außerdem in: Gesammelte Werke, hrsg. v. Manfred Frings, 16 Bände, Bd. 9: Späte Schriften, Bonn 1976, 7-72

»Philosophische Anthropologie«, in: Gesammelte Werke, hrsg. v. Manfred Frings, 16 Bände, Bd. 12: Schriften aus dem Nachlaß, Bd. III, Bonn 1997

[Werkausgabe]

M. S., Gesammelte Werke, Bd. I-XV, hg. v. M. Scheler (bis 1969) und M. S. Frings, Bern / München: Francke 1954 ff., Bonn: Bouvier 1986-1997.

[Bibliographie] in »Philosophische Weltanschauung« (1929)

[Sekundärliteratur] Konrad Fuchs, M. S., in: Bautz Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band IX (1995) Sp. 75-77, Max Scheler Gesellschaft