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Heike Delitz | ||
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Das Seminar interessiert sich innerhalb der neuen Disziplin Architektursoziologie insbesondere für die soziologische Theorie und Kultursoziologie der Architektur:
es geht um die möglichen Konzeptionen der Relation von Architektur
und Gesellschaft, also um die Frage, welche Bedeutung man der
Architektur für die Gesellschaft und das Soziale soziologisch
zuerkennt, und welchen Stellenwert entsprechend die
Architektursoziologie hat. Im Block 1 werden implizite Klassiker der Architektursoziologie gelesen; im Block 2 neuere architektursoziologische (und verwandte) Ansätze. Block 3 stellt sehr kurz eine eigene soziologische Theorie der Architektur vor, welche die Architektur nicht als einen bloßen Ausdruck der Gesellschaft, sondern als deren Medium konzipiert. Die Aufmerksamkeit liegt sowohl auf einer Artefaktsoziologie (in der ‚Mikroebene‘ der Körper und Aktionen) als auch auf einer Gesellschaftstheorie (in der ‚Makrobene‘) sowie – in Hinsicht auf die Besonderheit der Architektur in der modernen Gesellschaft - auf einer Handlungstheorie der Kreativität. Die Diskussionsgrundlage bilden hier nicht nur architektursoziologische Texte, sondern allgemeine soziologische Theorien (Castoriadis, Gehlen), die auf die Architekturfrage zu übertragen sein werden. Block 4 wird vor dem Hintergrund der Theorieüberlegungen konkrete Architekturen betrachten. Sie können und sollen in das Programm (eines Seminars im Hauptstudium) insbesondere an dieser Stelle selbst eingreifen: indem Sie versuchen, selbst gewählte architektonische Phänomene soziologisch zu betrachten. Das Seminar ist als Blockveranstaltung angelegt. Ausgewählte Referate und die Diskussionsleitungen werden (zu zweit) von Ihnen übernommen, so dass das Seminar im idealen Fall den Charakter eines Workshops erhält. 1 H. P. Thurn: Architektursoziologie. Zur Situation einer interdisziplinären Forschungsrichtung in der BRD, in: KZfSS 24 (1972), 301-341 2 R. E. Park: The City. Suggestions for the Investigation of Human Behaviour in the Urban Environment (1915), in: R. E. Park/E. W. Burgess/R. D. McKenzie: The City, Chicago 1925, 1-46. 3 M. Mauss: Über den jahreszeitlichen Wandel der Eskimogesellschaften. Eine Studie zur sozialen Morphologie (frz. zuerst 1905), in: Ders.: Soziologie und Anthropologie. Mit einer Einleitung von C. Levi-Strauss, Bd. 1, Frankfurt/M. 1989, 211-270. 4 N. Elias: Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie (1969), Frankfurt/M. 1983, 68-101. 5 W. Benjamin: Das Passagen-Werk (1927-1939), Gesammelte Schriften, Bd. V, Frankfurt/M 1991, 1041ff. 6 M. Halbwachs: Das kollektive Gedächtnis (frz. 1939), Stuttgart 1967, 127-163. 7 M. Foucault: Überwachen und Strafen, Frankfurt/M. 1976, 251-292 und ders.: Raum, Wissen und Macht (1982), in: Ders.: Schriften 4. 1980-1988, Frankfurt/M. 2005, 324-341 8 G. Bataille: Die Aufhebung der Ökonomie, München 1985, 9-25, 42-51, 58-69. 9 S. Dörhöfer: Symbolische Geschlechterzuordnungen in Architektur und Städtebau, in: M. Löw, Differenzierungen des Städtischen, Opladen 2002, 127-140. 10 M. Löw: Raumsoziologie, Frankfurt/M. 2001, 9-21, 224-230. 11 M. Makropoulos: Modernität und Kontingenz, München 1997, 83-100. 12 J. Fischer, Die Bedeutung der Philosophischen Anthropologie für die Architektursoziologie, in: K.-S. Rehberg (Hg.): Soziale Ungleichheit - Kulturelle Unterschiede. Verhandlungen des 32. Kongresses der DGS in München 2004, Frankfurt/New York 2006, CD-Rom, 3417-3429. 13 W. Eßbach, Antitechnische und antiästhetische Haltungen in der soziologischen Theorie, in: A. Lösch u.a. (Hg.): Technologien als Diskurse, Heidelberg 2001, 123-136 14 C. Castoriadis: Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philosophie (frz. zuerst 1975), Frankfurt/M. 1984, 343-371. 15 A. Gehlen: Urmensch und Spätkultur (1956). Philosophische Ergebnisse und Aussagen, Frankfurt/M. 2004, 19-26, 60-73 eigene soziologische Fallstudien zur Architektur |
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Es geht vornehmlich um die klassischen
Ansätze und die konkreten Studien der Wissenssoziologie. Nur vergleichend interessieren demgegenüber die neueren
wissenssoziologischen Ansätze, namentlich
die 'Neue Wissenssoziologie' der Konstanzer Schule. Die klassische Wissenssoziologie interessiert sich für die soziale Bedingtheit des Wissens; sie reagiert dabei auf die Ideologiekritik seitens marxistischer Denker und auf die Philosophie- und Moralkritik seitens der nietzscheanischen Lebensphilosophie. Insbesondere in den 1920er Jahren, der Zeit der Weltanschauungskämpfe und der sozialen Radikalismen (Plessner), läuft sie zu ihrer Hochform auf: und macht begreiflich, dass verschiedene soziale Positionen (Mannheim; "Standorte") mit verschiedenen Kategorien, Denkweisen, Weltbildern einhergehen; und dass verschiedene Gesellschaften verschiedene Leitbegriffe oder Leitsemantiken haben - nicht zuletzt auch in Hinsicht auf das Menschenbild, die Anthropologie. Neben Mannheims fulminanter Studie zur konservativen und liberalen Denkweise wird insbesondere auch Helmuth Plessners Wissenssoziologie des deutschen 'bürgerlichen Geistes' gelesen, samt ihrer Fundierung in einer raffinierten lebensphilosophischen Anthropologie, die von der "Unergründlichkeit" des Menschen ausgeht. Im Unterschied zur Neuen Wissenssoziologie geht es der klassischen Wissenssoziologie weniger um die Konstruktion der Alltagswirklichkeit, als um das Wissen in 'Höhenkammlage': um das politisch jeweils relevante Wissen, oder um das 'Leitwissen' einer Gesellschaft. 1 Karl Marx, Die deutsche Ideologie (1845), daraus: Die Ideologie überhaupt, namentlich die deutsche (aus der Kröner-Ausgabe Stuttgart 1953), S. 339-378. 2 Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse. Zur Genealogie der Moral (1887). KSA 5. München/Berlin 1988, 257-289; daraus: Vorrede (S. 247-256) und Erste Abhandlung (S. 257-289). 3 Max Scheler, Das Ressentiment im Aufbau der Moralen (1912/1915), in: Vom Umsturz der Werte. Abhandlungen und Aufsätze (GW 3), 5. Aufl. Bern 1972, 33-147, gelesen wird: 37-72 4 Max Scheler, Die Wissensformen und die Gesellschaft, Leipzig 1926, 47-122, 154-60, 187-193, 204-210, 229. 5 Max Scheler, Philosophische Weltanschauung, in: GW 9, Späte Schriften, 75-116; und ders.: Der Mensch im Weltalter des Ausgleichs, ebd., 145-170. 6 Karl Mannheim, Konservatismus. Ein Beitrag zu einer Soziologie des Wissens (1925). Hg. von David Kettler, Volker Meja, Nico Stehr. Frankfurt/M. 1984, 47-148, 219-223. 7 Karl Mannheim, Wissenssoziologie, in: Alfred Vierkandt (Hg.), Handwörterbuch der Soziologie, Stuttgart 1931, 659-680 (hier aus der Studienausgabe, 216-235) 8 Karl Mannheim, Ideologie und Utopie (1929). 5. Aufl. Frankfurt/M. 1969, 49-83. 9 Helmuth Plessner, Abwandlungen des Ideologiegedankens (1931), in: Meja/Stehr, Der Streit um die Wissenssoziologie, Frankfurt/M. 1982, 637-662. 10 Helmuth Plessner, Schicksal deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche. Zürich/Leipzig: Niehans 1935. Seit 1959 unter dem Titel: Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes. Frankfurt/M., 30-42, 65-85, 103-118. 11 Helmuth Plessner, Macht und menschliche Natur. Ein Versuch zur Anthropologie der geschichtlichen Weltansicht (1931), in: GS V, Frankfurt/M. 1981, S. 135-234, daraus: 140-144, 175-200 12 Helmuth Plessner, Einleitung, in Peter L. Berger/Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Übersetzt von Monika Plessner, Frankfurt/M. 1969, IX-XVI 13 Dirk Tänzler, Von der Seinsgebundenheit zum Seinsverhältnis. Wissenssoziologie zwischen Gesellschaftstheorie und Hermeneutik der Kulturen, in: ders./Knoblauch, Hubert/Soeffner, Hans-Georg (Hg.): Neue Perspektiven der Wissenssoziologie. Konstanz 2006, 317-336 |
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Es
handelt sich um eine Einführung in die im Entstehen befindliche
Disziplin Architektursoziologie, verstanden als eine Kultursoziologie:
die sich um die kulturellen 'Objektivationen' und deren Bezug zur
Gesellschaft befasst und die die kulturellen Objekte methodisch als
"Senkblei" (Simmel) für die Analyse der modernen Gesellschaft nutzt. Dazu werden (implizite) Klassiker der Architektursoziologe gelesen, sowohl aus der deutschsprachigen Soziologie als auch aus der französischen Soziologie. Drittens werden soziologisch interessante Texte seitens der Architekten selbst gelesen. Architektursoziologie interessiert sich - anders als die Stadtsoziologie, für die die Stadt stets eine 'Lebensweise' ist, keine Materialität - für das Gebaute selbst: für dessen Expressivität in Hinsicht auf die Gesellschaft und für dessen Einwirkung auf die Bewegungen, Blicke, Beziehungen der Einzelnen. Es geht einer Architektursoziologie im hier verstandenen Sinn also sowohl um das Artefakt (das Gebaute als unser Lebensumraum), als auch um die Architektur als Gestalt, als 'Gesicht' der Gesellschaft, das sich diese selbst 'wählt'. Über diese Frage nach der Phänomenalität und Materialität der Architektur hinaus sind natürlich weitere soziologische Perspektiven auf die Architektur denkbar: etwa eine Professionssoziologie oder eine Intellektuellensoziologie der Architektur. 1 Hans P. Thurn, Architektursoziologie. Zur Situation einer interdisziplinären Forschungsrichtung in der BRD, in: KZfSS Jg. 24 (1972), 301-341 2 Norbert Elias, Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie (zuerst 1969), Frankfurt/M. 1983, 68-101 3 Georg Simmel, Der Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft, in: Ders.: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung (1908), 5. Aufl., Berlin 1968, 460-526 4 Werner Sombart, Luxus und Kapitalismus, München 1913, 70-89, 109-132 5 Walter Benjamin, Das Passagen-Werk (1927-1939), GS V, Frankfurt/M 1991, 1041ff. 6 Maurice Halbwachs, Das kollektive Gedächtnis (1939), Stuttgart 1967, 127-163. 7 Marcel Mauss, Über den jahreszeitlichen Wandel der Eskimogesellschaften. Eine Studie zur sozialen Morphologie (frz. zuerst 1905), in: Ders.: Soziologie und Anthropologie. Mit einer Einleitung von C. Levi-Strauss, Bd. 1, Frankfurt/M. 1989, 211-270 8 Michel Foucault, Überwachen und Strafen, Frankfurt/M. 1976, 251-292 9 Bernhard Schäfers, Zur Begründung einer Architektursoziologie, in: Soziologie 2003, 35-48; ders.: Vorwort und Einführung in: Ders., Architektursoziologie, Opladen 2003 10 K. Dörhöfer: Symbolische Geschlechterzuordnungen in Architektur und Städtebau, in: M. Löw, Differenzierungen des Städtischen, Opladen 2002, 127-140. 11 M. Löw: Raumsoziologie, Frankfurt/M. 2001, 9-21, 224-230. 12 J. Fischer, Die Bedeutung der Philosophischen Anthropologie für die Architektursoziologie, in: K.-S. Rehberg (Hg.): Soziale Ungleichheit - Kulturelle Unterschiede. Verhandlungen des 32. Kongresses der DGS in München 2004, Frankfurt/New York 2006, CD-Rom, 3417-3429 13 Gottfried Semper, Über Baustile, in: ders., Kleine Schriften. Hg. von Hans u. Manfred Semper 1884, Reprint Mittenwald 1979, 395-425. 14 Walter Gropius, Die soziologischen Grundlagen der Minimalwohnung für die städtische Bevölkerung (1929), in: Architektur. Wege zu einer optischen Kultur, Frankfurt/M. 1956, 84-93. 15 Le Corbusier, 1922 – Ausblick auf eine kommende Architektur, 4. Aufl., Braunschweig/Wiesbaden 1982, 165-195. |