| Heike Delitz | |||
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Forschungs- und Habilitationsprojekt im Fach Soziologie an der
Universität Bamberg Gefördert von der Universität Bamberg (2009) und der »Bayerischen Eliteförderung« (2010-2012)
1) geht es um die Aversionen gegen Bergson in der »französischen Schule der Soziologie«: bei den Durkheimiens. Die These ist, dass die Wendung gegen diese Philosophie – die man seither nicht nur in der Soziologie allzuschnell als ›Irrationalismus‹, ›Metaphysik‹ oder ›Psychologismus‹ abtut – disziplinbildend war: sie erlaubte der Durkheimschen Soziologie, sich in eine bestimmte Richtung abzustoßen, nämlich in die einer ›positiven‹ und nicht psychologischen Wissenschaft. Dabei ist die Abstoßung von weiteren Autoren – namentlich von Tarde – einzurechnen (ein ›Durkheim-Werden‹ im Dreieck Bergson-Tarde-Durkheim). Die Aversion verhindert nicht, dass von Durkheim und seinen Kollegen durchaus Bergsonsche Themen verfolgt werden: etwa die Frage der Zeit und des Gedächtnisses. Eine zweite Abstoßung findet seit den 1920ern statt, im frühen französischen Marxismus. 2) wird Bergsons Werk skizziert, um es von den vielfältigen Vorurteilen zu befreien. Der Kerneinfall dieser Philosophie ist, das ›Werden‹ an die Stelle des ‚Seins‹ zu setzen, in tiefer Auseinandersetzung mit der klassischen Philosophie. An der Stelle der Identitätsphilosophie steht die Philosophie der Differenz: das permanente und unvorhersehbare Anders-Werden, die Differentiation oder Individualisation, und dies in allen Wirklichkeitsbereichen, vor allem im Lebendigen und noch einmal gesteigert im Sozialen. Diese Denkweise hat Bergson selbst im letzten Werk – seinem »livre de sociologie«, wie er sagt – zu einer Gesellschaftstheorie entfaltet, ansetzend an der (idealtypischen) Differenz ›geschlossener‹ und ›offener‹ Sozialitäten: von Gesellschaften, die sich gegen das Neue verwahren, oder aber es gezielt nutzen. 3) Im Kern des Projektes stehen die nicht unkritischen und oft verdeckten Übernahmen dieses Denkens in soziologischen Theorien, die aus den historischen Gründen jenseits der Fachdisziplin zu suchen sind. Es gibt einerseits Teilübernahmen (u.a. bei Lévi-Strauss). Zweitens und v.a. gibt es Fortführungen dieser spezifischen Denkweise in gesellschaftstheoretischer Hinsicht. Hier sind Gilles Deleuze und Cornelius Castoriadis die bekanntesten Autoren. Zu entdecken sind über sie hinaus weitere Denker, die z.T. in Frankreich aktuell eine Renaissance erfahren, wie Gilbert Simondon, Eugène Dupréel, André Leroi-Gourhan, Maurice Hauriou, Jean Przyluski. Und es gibt drittens indirekte ›Bergson-Effekte‹, vermittelt über Hyppolite, Merleau-Ponty, Bachelard und Canguilhem, auf die weitere französische Theorieentwicklung – sofern sie von der ›historischen Epistemologie‹ beeindruckt ist. 4) Das Projekt fügt der Soziologiegeschichte ein Kapitel hinzu – und ebenso der soziologischen Theorie. In den Übernahmen gibt es, so die These, eine gemeinsame Denkbewegung, ein Paradigma, das sich, verkürzt gesagt, durch das Denken der temporalen Dynamik, des permanenten, nicht kalkulierbaren Anders-Werdens auszeichnet – sowie aller gegenläufigen Strategien, die Kollektive ihrer Existenz wegen erfinden (man denke an Lévi-Strauss' Unterscheidung der »kalten« und »heißen« Gesellschaften, die in Bergsons Deux Sources einen direkten Vorgänger hat; oder an Castoriadis' These einer notwendigen Verleugnung der Zeit in der »imaginären Institution« der Gesellschaft). Zweitens handelt es sich um eine immanenzontologische Denkweise, in der das Soziale von seinen Artefakten und den organischen Körpern nicht getrennt wird (v.a. entwickelt bei Leroi-Gourhan, Simondon, Deleuze). Drittens ist es (im Ausgangspunkt, der temporalen Dimenson, dem unvorhersehbaren und permanenten Anders-Werden) ein recht zu verstehendes ›vitalistisches‹ Denken: berücksichtigt wird, dass der Mensch ein Lebewesen ist. Es handelt sich etwa auch bei den wissenschaftlichen Konzepten stets – wie diesen Autoren bewusst ist – um ein »Denken des Lebens durch das Leben selbst« (so Canguilhem). Es stehen daher möglichst alle Aspekte des sozialen Lebens im Blick: die affektiven (v.a. bei Simondon, Deleuze), imaginären, symbolischen (bei Castoriadis), rituellen (bei Przyluski, Pradines, Dupréel) usw.
(mit Tanja Bogusz): Émile
Durkheim – Sociology and Ethnology, Internationale Tagung,
Humboldt-Universität Berlin, Juni 2010 Andererseits geht es um die Artefakttheorien, die in dieser Denktradition - mit der immanenzontologischen Sicht - entfaltet werden, auch in Fortsetzung und Vertiefung meiner architektursoziologischen Theorie und Forschung: (mit Stefan Höhne): Artefakt Theorien. Juli 2009; Artefakt Theorien II. Gefüge, Kollektive, Dispositive, März 2011, Theorien-Workshops an der TU Berlin Seminare mit Bezug zum Projekt: Französische Philosophie und Soziologie: Bergson & Durkheim (mit Christian Illies, Universität Bamberg, und Matthew Maguire, Kenyon College,
USA) SoSe 2010 |