Heike Delitz

      
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Dr. Heike Delitz

Universität Bamberg
Lehrstuhl für Soziologie II
 

Gebaute Gesellschaft. Architektur als Medium des Sozialen
(Dissertation, Phil. Fak., TU Dresden, 2009; Frankfurt/M. Campus 2010)

Entfaltet wird eine soziologische Theorie der Architektur, die voraussetzt, dass die Architektur hinsichtlich des Sozialen einen ›Unterschied‹ macht. Die Ausgangsüberzeugung ist: die Architektur spiegelt, symbolisiert oder reproduziert nicht, was vorher und unabhängig von ihr ›existiert‹. Vielmehr verschafft sie der Gesellschaft allererst eine Gestalt, in der sich diese als eine bestimmte ›Gesellschaft‹ erkennt. Und sie schafft Räume für das Leben, koexistiert mit dem menschlichen Körper, ermöglicht Bewegungen, Blicke, Aktionen und Interaktionen, oder verunmöglicht sie. Statt lediglich ein (passives) Objekt zu sein, hat man es also eher mit einem »Sozius« zu tun. In ihrer kreativen Architektur sieht sich die Gesellschaft darüber hinaus mit je neuen Augen: sie sieht sich so, wie sie sich noch nie zuvor sehen konnte. Insbesondere in diesem Fall forciert die Architektur eher das Soziale, als dass sie es nur noch ›ausdrückt‹. Der Vorschlag ist, die Architektur als gleichermaßen konstitutives wie transitives »Medium des Sozialen« zu denken. Es geht darum, die soziale Brisanz der Architektur zu berücksichtigen. Die klassische soziologische Theorie hat das Soziale für eine Architektursoziologie zu restriktiv konzipiert: als Sphäre »soziologischer Tatbestände«, als »Wechselwirkung« oder als »Kommunikation«. Aus den Grundbegriffen der Soziologie fällt die Architektur gleich mehrfach heraus: als Artefakt, als Technik, in ihrer professionalisierten Kreativität. Aus dieser nach wie vor selbstverständlichen Konzeption des Sozialen erklärt sich die Schwierigkeit, die soziale Effektivität der Architektur zu sehen. Es ist die dualistische, und tiefer noch, die identitätslogische, klassische Denktradition, die zu denken zwingt, die Architektur sei ein (bloß passives) Objekt und eine (nur zeichenhafte) Hülle: etwas, das »nichts dazu tut und nichts wegnimmt«, eine Kopie.

Die Theorie operiert sowohl auf der Ebene einer Gesellschaftstheorie als auch auf der ›recht verstandenen‹ mikrosoziologischen Ebene der Inter-Aktionen. In der mikro- oder artefaktsoziologischen Hinsicht wird das Gefüge-Konzept von Gilles Deleuze auf die Architektur angewandt, das an die Stelle des Subjekt-Objekt-Schemas tritt. Auf der gesellschaftstheoretischen Ebene wird die Theorie der "imaginären Institution der Gesellschaft" von Castoriadis auf die Architektur erweitert: die Architektur verschafft der »Gesellschaft« allererst eine dauerhafte Gestalt, in der sich diese als eine bestimmte Gesellschaft ‚erkennt‘ oder konstituiert. Zugleich verschafft die Architektur der Gesellschaft immer wieder neue Gestalten: insofern ist sie ein konstitutives und ein transitives Medium der Gesellschaft. Diese Theorie der Architektur ist so angelegt, dass sie für jede Gesellschaft gilt. In der Aufmerksamkeit für das Neue in der Architektur gilt sie zudem insbesondere für moderne Gesellschaften, in denen die Architektur eine kreativistische Haltung und einen sozialtechnischen Anspruch entfaltet. Grundlage dieses architektursoziologischen Denkens ist die Differenztheorie des Bergsonismus: Henri Bergson, Gilles Deleuze, Cornelius Castoriadis. Fruchtbar gemacht werden auch die Anschlüsse an Bergson bei Bernhard Cache, André Leroi-Gourhan, Maurice Hauriou und Gilbert Simondon; sowie die Soziologien von Gabriel Tarde, Bruno Latour, Michel Foucault, die allesamt ein neues soziologisches Denken der Artefakte und des Symbolischen erlauben.  Ergänzend und korrigierend wird zudem auf die Philosophische Anthropologie zurückgegriffen. Neben der Institutionentheorie und Artefaktsoziologie Arnold Gehlens wird insbesondere das medienphilosophische Konzept Helmuth Plessners berücksichtigt: eine Medienphilosophie, die nicht dem Paradigma der Sprache verpflichtet ist, sondern die Eigenlogik der Architektur zu erkennen erlaubt.

Das Buch enthält drei Teile:

I. Denk- und Forschungsstand der Architektursoziologie) wird der Frage nachgegangen, welche Denkfiguren bisher für die Relation von Architektur und Gesellschaft zur Verfügung standen - vor allem, aber nicht nur in der Soziologie.
II. Theorie) wird die eigene Theorieperspektive entfaltet.
III. Empirie) wird in fünf chronologisch aufeinander folgenden Fallskizzen der Frage nachgegangen, wie wir - im 20. Jahrhundert - in und mit unserer Architektur zu dem geworden sind, was wir heute sind.

(siehe auch die Projektbeschreibung auf der Homepage des EGK 625 sowie der EPHE Paris und das Themenportal "Architektur als Medium" bei arthistoricum.net).
Promotion im Fach Soziologie an der Philosophischen Fakultät der TU Dresden. Die Dissertation wurde unterstützt von der Technischen Universität Dresden / dem SMWK.