| Heike Delitz | |||||
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| Französische Philosophie & Soziologie: Bergson und Durkheim Blockseminar Universität Bamberg, SoSe 2010, zusammen mit Prof. Dr. Christian Illies und Prof. Dr. Matthew Maguire, Kenyon College, USA. Seminar im Hauptstudium für Soziologie - und Philosophiestudierende
Thema des Seminars sind die beiden großen französischen
Autoren
im Umbruch vom 19. ins 20. Jahrhundert: der eine Begründer der
französischen Soziologie, der andere Begründer einer neuen
Philosophie, gegen die sich der erste - Émile Durkheim -
indirekt und implizit mit seiner neuen Wissenschaft 'wehrt'. Henri
Bergson seinerseits ist von einer frühen begeisterten Rezeption
getroffen, die seine Philosophie, so Merleau-Ponty, "entstellt":
wogegen sich Durkheim wehrt, ist also mindestens ebenso sehr der frühe
Bergsonismus wie Bergson selbst. Durkheim ist - gemeinsam mit der Gruppe
um die Année Sociologique - nicht nur der entscheidende
französische Soziologe; er ist auch ein Philosoph. Und umgekehrt
ist Bergson nicht nur der große französische Philosoph; er
ist - in seinem letzten Werk 1932 - auch Soziologe oder doch ein
sozialtheoretischer Denker, mit einer Theorie zweier
Gesellschaftsformen, die etwa Claude Lévi-Strauss
beeindruckt. Beide Großautoren
werden
im Seminar parallel und nicht zuletzt in ihrer gegenseitigen Aversion,
ihrer Nicht-Referenz gelesen: sie erhellen sich beide zu einem guten
Teil so möglicherweise wechselseitig. Es geht um einen
bemerkenswerten Moment im französischen Denken, aus
dem einige
seiner weiteren bemerkenswerten Entwicklungen (zum Strukturalismus
einerseits, zum
Existentialismus und zur Phänomenologie andererseits) folgen.
Durkheim ist derjenige, der alles
soziologisiert: Moral, Erkenntnis, Religion sind nun -
diesem Anspruch nach - Gegenstände auch der Soziologie, nicht mehr
nur der Philosophie. Und Bergson gibt einerseits die Erkenntnistheorie
vor, die Durkheim soziologisiert; und andererseits versucht er in
seinem späten Werk, den soziozentrischen Erklärungen eine
eigene Theorie von Moral, Religion, Gesellschaft entgegenzusetzen - was
bleibt also von der Philosophie, könnte die Frage angesichts der
Soziologisierung auch lauten - eine Soziologisierung, die ja
parallel, auf andere Weise, auch von Nietzsche
vorangetrieben und von Michel Foucault wieder aufgenommen wird (die Genealogie der Moral und des Wissens).
Primärliteratur Henri Bergson (1889/1994). Zeit und Freiheit. eine Abhandlung über die unmittelbaren Bewußtseinstatsachen. Hamburg [ZF] - (1896/1991). Materie und Gedächtnis. Eine Abhandlung über die Beziehung zwischen Körper und Geist. Hamburg, Meiner [MG] - (1907/1912). Schöpferische Entwicklung. Jena [SE] - (1932/1992). Die beiden Quellen der Moral und der Religion, Frankfurt/M. [BQ] - (1930/1947). Das Mögliche und das Wirkliche, in: Denken und Schöpferisches Werden. Aufsätze und Vorträge. Meisenheim, 110-125 [MW] Émile Durkheim (1892/1965). Die Regeln der soziologischen Methode, Neuwied [Regeln] - (1893/1988). Über soziale Arbeitsteilung: Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt/M. [AT] - (1912/1994). Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt/M. [EF]
Daraus im Seminar zu lesende Texte: Durkheim, Die soziologische Erklärung [Regeln 105-114, 193-204, 218-222] Bergson, Erkenntnistheorie entlang der »Aufmerksamkeit auf das Leben« [MG 1-23] Bergson, Die ›recht verstandene‹ Zeit [durée] [ZF 75-88; SE 8-14] Durkheim, Sinn und Grundidee der (Religions‑)Soziologie, die Zeitfrage [EF 17-42] Bergson, Kritik an der impliziten antiken Metaphysik in unserem Denken [SE 50-61, 68-82, 100-103] Durkheim, Soziologie der Religion; Sich-Identifizieren mit dem Tier [EF 178-187, 285-314] Bergson, Phil. Anthropologie: Differenz von Pflanze/Tier/Mensch [SE 104f., 111-121, 137-140, 144ff.] Durkheim, Soziologie des Wissens und der Kategorien [EF 488-497, 577-597] Bergson, Moral- und Religionstheorie [BQ 80-103, 108ff., 207-213, 228f.] Durkheim, Soziologie der Moral [EF 283-288; AT 76-82] Bergson, Kritik an Scheinproblemen [MW]Tips zu Sekundärliteratur resp. anschließender Literatur Zur Einführung für Philosophiestudierende in die soziologische Perspektive insgesamt: Wolfgang Eßbach, Studium Soziologie, München 1996, v.a. Kap. III: Drei Soziologien (132-163) zu Durkheim: Besnard, P., Ed. The sociological domain: The Durkheimians and the founding of French sociology. Cambridge 1983 Firsching, H., Moral und Gesellschaft. Zur Soziologisierung des ethischen Diskurses in der Moderne, Frankfurt/M. 1994 Habermas, J., Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt/M. 1981, Kap. V Joas, H., Die Kreativität des Handelns, Frankfurt/M. 1992, 76ff. (Das Problem der Entstehung neuer Moral als Leitfaden durch Durkheims Werk) Joas, H., Durkheim und der Pragmatismus. Bewußtseinspsychologie und die soziale Konstitution der Kategorien, in: E. Durkheim, Schriften zur Soziologie der Erkenntnis. Hg. von H. Joas, Frankfurt/M. 1993, 257-287. König, R., Émile Durkheim. Der Soziologe als Moralist, in: D. Käsler (Hg.), Klassiker des soziologischen Denkens, Bd. 1. München 1976, 312-364 König, R., Emile Durkheim zur Diskussion. Jenseits von Dogmatismus und Skepsis, München 1978 (Aufsatzsammlung) Luhmann, N., Arbeitsteilung und Moral: Durkheims Theorie. Einleitung in: E. Durkheim: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt/M. 1992 [1977], 19-40 Lukes, S., Emile Durkheim. His Life and Work. A Historical and Critical Study. Standford 1985 [1973] Müller, H.-P., Emile Durkheim (1858-1917), in Kaesler, Dirk (ed.): Klassiker der Soziologie. Bd. 1. München 2003, 150-170 Münch, R., Theorie des Handelns: Zur Rekonstruktion der Beiträge von Talcott Parsons, Emile Durkheim und Max Weber, Frankfurt/M. 1982 Schmaus, W., Durkheim's Philosophy of Science and the Sociology of Knowledge: Creating an Intellectual Niche. Chicago 1994 Turner, S. T. (Hg), Émile Durkheim. Sociologist and moralist, London 1993 Von Presses Universitaires de France darüber hinaus empfohlene Sekundärliteratur: Alpert H., Émile Durkheim and his Sociology, New York, Columbia Univ. Press, 1939. Besnard Ph., L’Anomie, Paris, puf, 1987 Études durkheimiennes, Genève, Droz, 2003 Besnard Ph., Borlandi M., Vogt P. (éd.), Division du travail et lien social. La thèse de Durkheim un siècle après, Paris, puf, 1993. Borlandi M., Mucchielli L. (éd.), La Sociologie et sa méthode : les Règles de Durkheim un siècle après, Paris, L’Harmattan Boudon R., La Logique du social, Paris, Hachette, 1979. Cherkaoui M., Naissance d’une science sociale. La sociologie selon Durkheim, Genève, Droz, 1998. Cuin C.-H. (éd.), Durkheim d’un siècle à l’autre. Lectures actuelles des Règles de la méthode sociologique, Paris, puf, 1997. LaCapra D., Émile Durkheim, sociologist and philosopher, Ithaca-Londres, Cornell Univ. Press, 1972. Borlandi M., Cherkaoui M. (éd.), Le Suicide un siècle après Durkheim, Paris, puf, 2000. Parsons T., The Structure of Social Action, New York, McGraw-Hill, 1937. Pickering W. S. F., Durkheim’s Sociology of Religion, Londres, Routledge, 1984. Steiner Ph., La Sociologie de Durkheim, Paris, La Découverte, 1998 zu Bergson: Deleuze, G., Bergson zur Einführung. Hamburg 1989 [1966] Merleau-Ponty, M., Bergson im Werden. In: Ders., Zeichen, Hamburg 2007 [1959] Oger, E., Einführung, in H. Bergson, Materie und Gedächtnis, Hamburg 1991 speziell zum Begriff des Möglichen: Vollet, M., Die Wurzel unserer Wirklichkeit: Problem und Begriff des Möglichen bei Henri Bergson, Freiburg 2007 Ebenfalls auf der Seite von Puf: weitere, nahezu ausschließlich französischsprachige Sekundärliteratur und ein Einführungsartikel von F. Worms: http://www.puf.com/wiki/Auteur:Henri_Bergson Empfehlbar hier vor allem die Einleitungen und Nachworte der kritischen Ausgabe (Paris: Puf, 2007-2011: "Le choc Bergson"); die Beiträge in den Annales bergsoniennes (Paris: Puf, seit 2002) sowie Frédéric Worms: Le vocabulaire de Bergson, Paris 2000 |