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Gefüge, Kollektive und Dispositive.
Zum »Infrastrukturalismus« der Gesellschaft *
Im
Zuge der recht bedingungslosen Hinwendung zur poststrukturalitischen Theorie haben
sich die Kultur- und Sozialwissenschaften auch mit großer Leidenschaft den
Phänomenen des Unscharfen, Brüchigen und Ambivalenten gewidmet. In letzter Zeit
jedoch lassen sich auch Positionen ausmachen, die sich – an Stelle der Auflösungs-Rhetoriken
(Liquid Modernity, Dezentrierung des Subjekts etc.) – erneut den Momenten der
Strukturierung und Stabilisierung zuwenden: So etwa in der (von Foucault verfolgten)
Dispositivanalyse oder in der Frage der Konstitution von Netzwerken in der ANT.
Man interessiert sich dann dafür, wie das Soziale und das Kulturelle etabliert,
fixiert, gewartet werden und wie dabei materielle Komponenten diese Prozesse
der Homogenisierung, Inklusion, Kristallisation mit konstituieren. Worum es
ginge, wären vor allem auch die Infrastrukturen
der Gesellschaft: die unterirdischen oder überirdischen Apparate und Maschinen,
welche das Soziale verbinden, herstellen, und dies oft auf nicht-symbolische,
nämlich unsichtbare Weise. Die Infrastruktur ist der Testfall jeder
kultursoziologischen Theorie, derzufolge es ja das Symbolische ist, in dem sich
Gesellschaft herstellt. In Frage stehen die etablierenden, einrichtenden und stabilisierenden
Effekte der Artefakte. Damit liegt der Fokus möglicherweise auf den Fundamenten
und Zentren soziokultureller Formationen: auf den materiellen Fundamenten, der Materie
des Gesellschaftlichen.
Theoretischer Fokus:
Gefüge, Ensembles, Dispositive, Strukturen
Gilles Deleuze, Denker der Verflüssigung
des Sozialen, hat zugleich Kategorien der Verfestigung und Kristallisation vorgelegt:
Konzepte, die um das »Gefüge« (agencement) kreisen. Dieser Begriff könnte
für die Sozial- und Kulturwissenschaft neu entdeckt werden: es ist ein Begriff des
Prozesses und der Übersetzung jenseits aller Dualismen (Subjekt/Objekt,
Individuum/Gesellschaft, Natur/Kultur). Worum es geht, sind die facettenreichen
Bewegungen verschiedenster Entitäten oder »socii« zwischen dem scheinbar
Verfestigten. Gefüge operieren zwischen
der De- und Recodierung, De- und Reterritorialisierung; sie setzen sich aus
unterschiedlichsten Phänomenen zusammen, den Diskursen, Affekten, Perzeptionen,
Bewegungen verschiedenster Körper. Sie haben etwas Etablierendes. In der
Verbindung der unterschiedlichsten socii
entsteht zugleich Unvorhergesehenes im Sozialen. Relativ ist das Starre und
Geordnete, aber ebenso relativ ist eben auch die Bewegung.
Das
Gefüge-Konzept beruft sich
seinerseits auf weitere Konzepte, die für sich spannend genug
sind: auf
Simondon, Leroi-Gourhan, Dupréel: französische Philosophen,
Ethnologen-Archäologen
und Soziologen. Man kann es in andere Begriffskonzepte übersetzen,
jenseits der
zuweilen idiosynkratischen Ausdrucksweise von Gilles & Félix
transformieren, zugänglich machen, anreichern oder transferieren.
Indem Gefüge (aber
auch Ensembles, Dispositive, Diagramme, Konsolidierungen oder auch das
teukein von Castoriadis) quer zu den allzu oft getrennten Ebenen der
sozialen Wirklichkeit liegen, bringen sie disziplinäre und
theoretische Grenzen
ins Schwimmen. Sie rütteln auch an den doxa
soziologischer Selbstverständnisse: etwa an der Überzeugung,
dass ›Soziales nur durch Soziales zu erklären‹
sei, wie Durkheim formulierte – der selbst immerhin die
Perspektive der Sozialen
Morphologie begründete. Theoretisch ist diese Perspektive
vielleicht jetzt
ausschöpfbar. Indem Gefüge immer auf die Komposition von
Subjekten ausgerichtet
sind, welche sie hervorbringen, werden in Ihrer Analyse auch politische
und
ethische Probleme wie Fragen der Exklusion aufgeworfen.
Worum
es nun geht, ist nicht zuletzt, jenen ›zu groß
geratenen‹ Begriff neu
durchzubuchstabieren, der einmal einen zentralen Fluchtpunkt des
soziologischen
Theoretisierens bildet(e), und dies äußerst kreativ: die
Struktur (im Begriff des Infrastrukturalismus 1). Nur allzu oft haben
sich
damit starke Annahmen des Determinismus eingeschlichen sowie vor allem
eben solche,
die dem Materiellen, den Artefakten gegenüber dem Symbolischen
keinen eigenen
Platz ließen. Natürlich ist er bereits abgelöst worden
– in allen Post- und
Neostrukturalismen. Bei Lévi-Strauss selbst wäre es aber
eine Überlegung wert,
ob er nicht selbst bereits vielfältiger ist, reichhaltiger:
Materielles
einbeziehend.
Thematischer Fokus:
Infrastrukturalismus
Es
geht also um Gefüge oder auch um Strukturen.
Obgleich die geplante Werkstatt vor allem theoretische Arbeit
verrichten will,
ist man damit natürlich bei der Frage des Inhaltlichen: um welche
Gefüge geht
es? Wir schlagen vor, nun (in zwangloser Fortsetzung des ersten
Workshops vom
Juli 2009) größere Artefakte, in den
Blick zu nehmen, nämlich die (materiell zu verstehenden)
technischen und artefaktischen
Infrastrukturen – die für das Funktionieren artifizieller
Gesellschaften unerlässlich sind und es immer schon waren (man
denke an die Aquädukte
des römischen Imperiums), aber oft im Hintergrund des Denkens
über die Vergesellschaftung und die Gesellschaftstypisierung
blieben. Das
Gefüge-ect.-Konzept erlaubt, so steht zu vermuten, die
Sozialität stiftende,
etablierende, stabilisierende
Funktion der ‚großen‘ Artefakte zu
berücksichtigen; und diese in die Netze von Praktiken
und Diskursen sowie deren Subjekt- und Sozialformungen einzubeziehen.
Damit lassen
sich auch Strategien und Taktiken sowie die Territorien, die solche
infrastrukturellen Gefüge-etc. etablieren, in den Blick nehmen.
Oft
sind es gerade die unsichtbar gemachten Dinge der unterirdischen und unterseeischen Infrastrukturen, die namentlich
für urbane oder
»artifizielle«Gesellschaften
(Heinrich Popitz) ganz unerläßlich sind - im Vergleich etwa
zu den nomadischen Gesellschaften: ein Unterschied, der eine
Gesellschaftstypologie erlaubt und der in der Gefüge-Analyse von
Deleuze und Guattari offensichtlich eine große Rolle spielt. Die
Infrastrukturen bilden gleichsam
die
»Hintergrundserfüllung« (Arnold Gehlen): sie sind
es, in denen
sich namentlich 'unsere', also die urbanen Gesellschaften fixieren
- in denen sich sich auf eine ganz bestimmte Weise
einrichten, während andere Gesellschaftsformen andere Grade und
Intensitäten der materiell-sozialen Einrichtung besitzen.
Die infrastrukturierende Materie der Gesellschaft: das sind dann - in den urbanen oder den infrastrukturierten Gesellschaften - die Tiefbauarchitekturen
(Autobahnen, U-Bahnen usw.) ebenso wie die Kommunikations-Infrastrukturen; die
Servernetze und ‑knoten verschiedenster Daten- und Energieströme usw….
In
den Gesellschaftstheorien und Typologien, die sich vor diesem
Hintergrund erarbeiten lassen, sind historische
Vergleiche und Genealogien der technischen Ensmbles aufschlussreich:
wie war das noch einmal mit der pneumatischen Post? Und was gab es in
prähistorischen Gesellschaften für Infrastrukturen, in
Gefüge- resp. Artefakt-soziologischer Hinsicht?
Form: Theorien-Werkstatt
Die Werkstatt ist konzipiert als zwang- und formlose und
umso intensivere Theorien-Werkstatt:
wir werkeln an Theorien der (großen) Artefakte oder eben der Gefüge, Kollektive etc., wobei die
disziplinären Grenzen nicht eng gezogen werden. Gemeinsam wollen wir
erarbeiten, wie Theoreme der Gefüge und verwandter Begriffe für sozial-/kulturwissenschaftliche
Analysen fruchtbar werden können.
* [Infrastructuralisme]
"Infrastructuralism" ist ein Neologismus, der kürzlich auch in der
Lévi-Strauss-Hommage von Marshal Sahlins [critical inquiry Vol
36, 3 (2010), 371-385] auftauchte - in der Anwendung des
Strukturalismus auf die marxsche Basis.
Hier der Link: http://criticalinquiry.uchicago.edu/36n3/36n3_sahlins.html
Siehe zur Differenz:
[1] Wir sind uns bewusst, dass im
Französischen und auch bei Lévi-Strauss die marxsche ‚Basis‘ mit infrastructure (vs. superstructure) übersetzt wird (und LS die Ordnung gerade umkehrt: Das Wilde Denken, frz. 173/dt. 154f.). Den
Begriff muss man also neu akzentuieren: das ist der Plan.
Die Grafik oben bezieht sich übrigens auf den "totemistischen Operator", den man im Wilden Denken finden kann.
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© cms
18./19. März 2011, Berlin
im Geodätenstand auf dem Dach der TU
Programm
Freitag, 18. März 2011:
Heike Delitz & Stefan Höhne: Begrüßung
Stefan Höhne:
Woran erkennt man den Infrastrukturalismus?
Heike
Delitz:
Nomadische und urbane – infrastrukturierte –
Gesellschaften (mit Simondon)
Michael Cuntz:
Infrastruktur der
Erfindung (Simondon)
Marc
Rölli:
Kollektive Gefüge – philosophische Überlegungen
zu einer infrastrukturalistischen Machttheorie
Jörg Brauns:
Infrastrukturen – An der
Grenze der Systemtheorie
Adrian Beutler:
Stabilisierung und Offenheit: Infrastrukturen als
Konstellationen strukturierter Kontingenz
Samstag, 19. März
2011:
Christoph Engemann:
Follow the
Infrastructure: Die
Bundesdruckerei, das Geld und seine Träger
René Umlauf & Christian
Müller:
„Ein Haus soll
sein wie ein Auto“ –
ein Dialog über Infrastruktur als
Übung
Cornelius Schubert:
Der Pulsschlag
des Technikdeterminismus.
Von den gefügigen Strukturen, die unser Leben
bestimmen
Christian Driesen:
Infra – Sub – Prä. Ansätze zu einem
abstrakten Strukturalismus
Nathalie Bredella
& Chris Dähne:
Das
Dispositiv der Straßen
und Highways
Christoph Eggersglüß:
Anarchitecture: Infrastrukturen erkennen und
freilegen
Abschlussüberlegungen
Kontakt:
Heike Delitz
Universität Bamberg
Lehrstuhl Soziologie II
Heike.Delitz [at] uni-bamberg.de
Stefan Höhne
Center for Metropolitan Studies
TU Berlin
stefan.hoehne [at] metropolitanstudies.de
Link zum Center for Metropolitan Studies
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